PerspektivenWechsel

Willkommen bei meiner Vortragsreihe und auf meinem Blog! Hier finden Sie spannende und praxisnahe Impulse rund um das Familienleben, die Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern sowie die Stärkung von Beziehungen im (beruflichen) Alltag.

Diese Inhalte vertiefe ich in Form von Vorträgen für Eltern und Fachpersonal in Schulen, Kitas und anderen Bildungseinrichtungen.

Richtig zuhören – warum Verstehen wichtiger ist als Lösungen

Wenn Zuhören sich gut anfühlt, aber nicht wirkt

„Mich hat es gestern so frustriert, dass meine Kollegin mich vor dem ganzen Team bloßgestellt hat.“ – „Ja, das kenne ich, mir ist das auch schon passiert …“
Solche Gesprächssituationen kennen wir alle. Sie fühlen sich nach Austausch an, hinterlassen aber oft ein Gefühl von Leere oder Nicht‑gesehen‑Werden. Was hier fehlt, ist nicht Mitgefühl oder Intelligenz, sondern echtes Zuhören.

Warum wir oft am Zuhören vorbeireden

Die Kommunikationsforschung unterscheidet klar zwischen reflexiver Resonanz und sogenannten Shift Responses. Während Resonanz beim Gegenüber bleibt („Ich höre, dass dich das sehr verletzt hat“), verschiebt eine Shift Response den Fokus auf die eigene Perspektive, durch Ratschläge, Bewertungen oder eigene Geschichten.

Dieses Verhalten ist menschlich. Unser Gehirn reagiert schneller, als unser Gegenüber spricht. Wir hören unsere eigenen Themen mit, fühlen uns angesprochen und springen hinein. Doch genau hier geht Verbindung verloren.

Pseudolistening – wenn Aufmerksamkeit nur gespielt ist

Viele Gespräche scheitern nicht an offenem Desinteresse, sondern an Pseudolistening: Wir nicken, sagen „hm“ oder halten Blickkontakt, sind innerlich aber längst woanders. Multitasking, innere Antworten oder vorschnelle Interpretationen verhindern echtes Verstehen. Studien zeigen, dass Menschen sehr fein wahrnehmen, ob ihnen wirklich zugehört wird. Das Vertrauen in die jeweilige Person wird entsprechend angepasst.

Zuhören wirkt – messbar

Gutes Zuhören ist kein weicher Faktor. Studien zeigen: Menschen, die sich gehört fühlen, erleben mehr soziale Verbundenheit, weniger Einsamkeit und sogar eine Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Zuhören reguliert Emotionen, auf beiden Seiten.

Was bedeutet das für Eltern?

Kinder brauchen nicht sofort Lösungen. Sie brauchen das Gefühl, mit ihren Gedanken und Gefühlen Raum zu haben. Wer zuhört, ohne zu bewerten oder vorschnell zu handeln, stärkt nicht nur die Beziehung, sondern auch die Selbstwirksamkeit des Kindes.

Zuhören heißt nicht, alles gutzuheißen oder keine Grenzen zu setzen. Es heißt, erst zu verstehen und dann bewusst zu reagieren.

Wenn Eltern sich verletzt fühlen – warum Kontrolle Vertrauen zerstört

Kinder nutzen Eltern als sicheren Hafen

Kinder zeigen ihre stärksten Gefühle dort, wo sie sich sicher fühlen. Wut, Rückzug, Verschweigen oder Grenzüberschreitungen sind oft kein Angriff, sondern ein Ausdruck von Vertrauen, auch wenn es sich für Eltern anders anfühlt.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Die zehnjährige Hannah verabredet sich mit ihrer Freundin Mia. Später gehen die beiden noch zu Luise, ohne die Eltern zu informieren. Als die Eltern davon erfahren, reagieren sie wütend und verhängen eine Strafe. Was hier passiert, ist ein klassischer Bruch: Statt Interesse am "Warum" entsteht Kontrolle.

Warum Kinder Informationen zurückhalten

Kinder verschweigen Dinge selten grundlos. Sie haben gelernt, oft aus Erfahrung, dass bestimmte Informationen zu Ärger, Strafe oder emotionalem Rückzug führen. Das Zurückhalten ist kein Vertrauensbruch, sondern ein Schutzmechanismus. Die Vertrauensbasis ist an dieser Stelle bereits fragil.

Das verletzte elterliche Ego

Eltern fühlen sich in solchen Situationen schnell übergangen, respektlos behandelt oder nicht ernst genommen. Dieses verletzte Ego triggert Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ordnung. Studien zur psychologischen Kontrolle zeigen jedoch: Kontrolle aus Kränkung untergräbt langfristig Autonomie, Ehrlichkeit und Beziehung.

Was stattdessen hilft

Ein Perspektivwechsel: Nicht „Warum hast du das getan?“, sondern „Was hat dich daran gehindert, es mir zu sagen?“ schafft Raum. Beziehung entsteht dort, wo Eltern ihre eigene Verletzung regulieren und neugierig bleiben.

Vertrauen wächst durch Verstehen

Grenzen dürfen gesetzt werden. Konsequenzen können notwendig sein. Doch sie wirken nur dann beziehungsstärkend, wenn sie nicht aus Kränkung, sondern aus Klarheit entstehen.

Kinder brauchen Eltern, die ihre eigenen Gefühle halten können, damit Kinder ihre nicht verstecken müssen.

Das Yin und Yang der Bedürfnisse – Balance statt Perfektion in Familien

Bedürfnisse sind kein Entweder-oder

In Familien begegnen sich unterschiedliche Bedürfniswelten. Kinder bringen ein großes Yin mit: Nähe, Sicherheit, Begleitung, Regulation. Eltern bringen das Yang: Struktur, Verantwortung, Orientierung, Selbstschutz. Gesund wird der Familienalltag dort, wo beide Pole im Gleichgewicht bleiben.

Wenn Bedürfnisse von Kindern gesehen werden

Forschung zur Bindung zeigt klar: Kinder, deren Bedürfnisse wahrgenommen und beantwortet werden, entwickeln mehr emotionale Sicherheit, bessere Selbstregulation und ein stabiles Selbstwertgefühl. Gesehen zu werden heißt nicht, immer Recht zu bekommen sondern ernst genommen zu werden.

Wenn Bedürfnisse dauerhaft übergangen werden

Studien zu Erwachsenen mit emotional vernachlässigenden Kindheitserfahrungen zeigen Zusammenhänge mit erhöhter Anpassung, Schwierigkeiten in der Bedürfniswahrnehmung, Schuldgefühlen und Problemen, Grenzen zu setzen. Wer früh lernt, dass eigene Bedürfnisse keinen Platz haben, verlernt oft, sie überhaupt zu spüren.

Und was ist mit „zu viel“?

Auch ein dauerhaftes Übergewicht des kindlichen Yin kann problematisch werden. Wenn elterliche Bedürfnisse keinen Raum mehr haben, geraten Eltern in Erschöpfung, Kinder in Überverantwortung oder Unsicherheit. Kinder brauchen Eltern, die sich selbst spüren, nicht Eltern, die sich auflösen.

Balance als Beziehungsarbeit

Das Ziel ist kein starres Gleichgewicht, sondern ein lebendiges Austarieren. Über viele Jahre darf das Yin der Kinder größer sein. Doch kein Bedürfnis, weder das der Kinder noch das der Eltern, sollte das andere dauerhaft klein halten. Genau hier beginnt Beziehungsarbeit.

Haltung im System Schule

Wo Handlungsspielräume entstehen – trotz Struktur

Schule ist ein stark regulierter Raum. Lehrpläne, Leistungsbewertungen, Ordnungsmaßnahmen, Dokumentationspflichten und Hierarchien geben den Rahmen vor, in dem Lehrkräfte täglich arbeiten. Diese Strukturen sollen Sicherheit, Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit schaffen. Gleichzeitig erzeugen sie Druck, Enge und Dynamiken, die Beziehung und pädagogische Haltung herausfordern.

Viele Lehrkräfte spüren das sehr genau. Sie wollen begleiten, fördern, ermutigen und erleben sich doch immer wieder in Situationen, in denen sie reagieren, statt zu gestalten. Nicht, weil sie es nicht besser wüssten, sondern weil das System bestimmte Reaktionen nahelegt. Wer das ausspricht, bekommt oft Zustimmung. Ein stilles Nicken. Ein inneres „Ja, genau so ist es“.

Und genau hier beginnt ein wichtiger Perspektivwechsel.

Zwischen Vorgabe und Handlung liegt immer ein kleiner Raum. Ein Raum, in dem Haltung entsteht. Das System schreibt vor, was zu tun ist aber nicht immer, wie. Dieser Zwischenraum ist oft schmal, manchmal unscheinbar, aber er ist da. Und er lässt sich gestalten.

Ein Beispiel: Ein Schüler stört wiederholt den Unterricht. Die Situation ist bekannt, die Belastung real. Schnell entsteht innerlich der Gedanke: „Er provoziert absichtlich.“ Diese Deutung ist nachvollziehbar – und sie führt oft zu Konfrontation, Schärfe, Machtkampf. Derselbe Sachverhalt lässt sich jedoch auch anders lesen: „Er zeigt gerade ein ungelöstes Thema, vielleicht Überforderung, vielleicht Kontrollverlust.“ Die äußere Situation bleibt identisch. Doch die innere Haltung verändert sich. Und mit ihr Tonfall, Sprache, Konsequenz. Die Regel bleibt bestehen. Der Umgang wird ein anderer.

Haltung beginnt oft nicht bei der Handlung, sondern bei der Art, wie wir Verhalten lesen.

Ähnlich wirksam ist Sprache – besonders die Sprache im Kollegium. In Fallbesprechungen oder Pausengesprächen sammeln sich schnell Zuschreibungen: „immer wieder“, „typisch“, „nicht tragbar“. Diese Worte wirken leise, aber nachhaltig. Sie verengen den Blick und verfestigen Bilder. Eine kleine Verschiebung hin zu beobachtender Sprache: „In dieser Situation reagiert der Schüler mit …“ – öffnet den Raum wieder. Nicht für Naivität, sondern für Handlungsmöglichkeiten. Sprache entscheidet mit darüber, ob wir in Problemen verharren oder Entwicklung denken.

Macht spielt in Schule eine zentrale Rolle. Noten, Bewertungen, Ordnungsmaßnahmen und Hierarchien sind nicht verhandelbar. Sie gehören zum System. Entscheidend ist jedoch, wie Macht ausgeübt wird. Bloßstellung entsteht selten durch Regeln an sich, sondern durch öffentliche Macht Ausübung ohne Beziehungssicherung. Ein Kommentar vor der Klasse, ein ironischer Ton, ein unbedachter Satz – oft nicht böse gemeint, aber wirksam. Autorität verliert nicht an Stärke, wenn sie reflektiert wird. Im Gegenteil: Sie gewinnt an Klarheit und Glaubwürdigkeit.

Auch Zeit wird häufig als größtes Hindernis genannt. Und ja, Zeit ist knapp. Doch manchmal liegt der Spielraum nicht im „mehr“, sondern im „wann“. Ein Konflikt muss nicht immer im Moment geklärt werden. Manchmal reicht ein ruhiges „Wir sprechen später darüber“. Ein kurzes Nachgespräch nach dem Unterricht statt öffentlicher Korrektur. Kleine Rituale am Anfang oder Ende einer Stunde. Zwei Minuten bewusst gesetzte Beziehung können Dynamiken langfristig verändern.

Grenzen schließlich sind kein Gegensatz zu Beziehung. Sie geben Orientierung dann, wenn sie klar und nachvollziehbar gesetzt werden. Ein „Nein“ ohne Erklärung wirkt schnell willkürlich. Ein „Nein, weil dieser Rahmen Sicherheit für alle braucht“ schafft Halt. Haltung zeigt sich nicht darin, ob Grenzen gesetzt werden, sondern wie.

All das setzt voraus, dass Lehrkräfte sich selbst mitdenken. Wer dauerhaft unter Druck steht, reagiert schneller, schärfer, persönlicher. Eigene Trigger zu kennen, zwischen persönlicher Kränkung und pädagogischer Aufgabe unterscheiden zu lernen, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist professionelle Selbstfürsorge und Voraussetzung dafür, nicht übergriffig zu handeln.

Schule wird sich nicht von heute auf morgen verändern. Strukturen bleiben, Prozesse auch. Aber innerhalb dieser Strukturen bewegen sich Menschen. Jeden Tag. In vielen kleinen Entscheidungen.

Wir können das System nicht sofort ändern.
Aber wir können verändern, wie wir uns darin bewegen.

Und genau darin liegt mehr Gestaltungskraft, als oft vermutet wird.